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Causa Baku

  06.07.2017    

Da irrt der Mercedes-Teamchef aber gewaltig. Toto Wolff beteuert im Vorfeld des Österreich-Grands Prix emsig, die Akte Baku sei geschlossen. In Wahrheit hat die Kontroverse von Aserbaidschan eine Büchse der Pandora geöffnet, die eine ganze Lawine auslösen kann.

Um zu verstehen, was nun möglich ist, muss man zunächst mal genau betrachten, was in der ominösen Safetycarphase in der früheren Sowjetunion wirklich passiert ist. Da ist nämlich in der emotional aufgeladenen Berichterstattung der letzten Tage einiges durcheinander gegangen.

Der Ablauf der Kollisionen ist ganz eindeutig. Lewis Hamilton darf als erster Fahrer hinter dem Führungsfahrzeug das Tempo vorgeben. Dass er dabei an Stellen verlangsamt, an denen die Hintermänner eigentlich schon aufs Gas gehen möchten, ist in solch’ einer Rennsituation ganz normal. So kann man den Verfolger zum Beispiel in einen falschen Gang locken: Wenn der Zweite mental ein höheres Tempo erwartet, spannt er die zweite Fahrstufe ein. Doch der Führende bummelt so langsam, dass er seinen langen ersten Gang noch nutzen und ausfahren kann; sein Hintermann tuckert dann unfreiwillig mit zu niedriger Drehzahl weiter und verliert schon bei den ersten Metern des Hochbeschleunigens hinter dem Safetycar den Anschluss. Das ist ein alter Trick für fliegende Starts – oder Neustarts nach einer Neutralisation.

Zwar nicht besonders fein, aber völlig legitim und üblich in allen Klassen des Rennsports.

Hamilton hat genau das probiert. Dazu hat er an einer Stelle gelupft, an der Vettel nicht damit gerechnet hat. Und ein Formel 1-Motor ist wegen seines hohen Schleppmoments mit einer derart aggressiven Motorbremse ausgestattet, dass ein kurzes Vomgasgehen einen Effekt hat wie eine Vollbremsung in einem Serienauto. Wenn die Akkus vom Hybridsystem leer sind, wird diese Verzögerung noch mal drastischer. Doch hinterm Safetycar war der Speicher voll, weil man im Bummeltempo keine Elektro-Zusatzleistung abruft. Aber auch die normale Motorbremse – im Zusammenspiel mit der wirksamen, aber auch mit viel Widerstand steil in der Luft stehenden Aerodynamik – reicht für ein rapides und überraschend starkes Langsamerwerden.

Vettel war in Gedanken schon eine Kurve weiter, wollte auf Gedeih und Verderb Anschluss halten – und rechnete nicht mit der lupfenden Finte von Hamilton. Zwei Wiederholungstäter: Das Foppen gehört ebenso zu Hamiltons bekanntem und oft ausgepacktem Trickarsenal wie ein kompromissloses Beschleunigen unter Gelb von Vettel. Siehe nicht zuletzt dessen Auffahrunfall auf Mark Webber in der Regenschlacht von Fuji, wo Vettel in seiner ersten Saison bei Toro Rosso exakt denselben Fehler machte wie heuer in Aserbaidschan.

Dass Vettel sauer war, ist verständlich, schließlich ist er Sportler, und auf der Autobahn brennen vielen oft schon bei weit weniger ärgerlichen Fahrmanövern der anderen kurz die Sicherungen durch. Das sollte niemand verurteilen. Dass er sich zu einem Rammstoß hinreißen ließ, wird so auch nachvollziehbar – wenn auch deswegen keinen Deut richtiger. Dabei hat er aber zwei Mal gegen die Regeln verstoßen: In einer Safetycarphase muss er hinter seinem Vordermann bleiben. Und er darf ohnehin keine Revanchefouls schüppen, egal wann
.
Dafür hätte es nur ein einziges Strafmaß geben dürfen: Platzverweis vom Rennen in Baku, danach eine Verhandlung, ob man ihn länger sperren muss. Die Schwarze Fahne – also die Rote Karte des Rennsports – hätte es auf jeden Fall geben müssen. Denn der Rammstoß war eine Tätlichkeit. Und im Fußball ist es auch egal, ob ein Spieler den Gegner anrempelt, ihm eine Backpfeife verpasst oder ihm zwischen die Beine tritt – Tätlichkeit bleibt Tätlichkeit, egal wie brutal. Beziehungsweise: Die Brutalität und Hinterlist kommt erst bei der Bemessung der Sperrendauer zum Tragen, nicht für die Tatsachenentscheidung an sich. Doch die Sportkommissare in Aserbaidschan haben einen Ermessensfehler begangen – eine Fehlentscheidung wie ein Fußballschiri.

Das kommt immer wieder vor, siehe jüngst den Eklat von Peter Sagan und Mark Cavendish bei der Tour de France.

Der Umgang mit der weiteren Nachbetrachtung offenbart das eigentliche Problem. Vettel entschuldigte sich mit einer vorformulierten Verschwurbelung, und damit war’s gut. Nützt ja nix? In der Judikative der Formel 1 wahrscheinlich. Denn nachdem der Heppenheimer der offensichtlichen Empfehlung seiner Anwälte, sogenannte „tätige Reue“ zu zeigen, nachgekommen war, sahen sich die Entscheider gezwungen, die im Gerichtswesen übliche Konsequenz für solche Reue anzuwenden – Strafminderung bis zum Freispruch auf Bewährung.

Ich habe in letzter Zeit schon öfter gehört, dass in der teuren und ernsthaften Welt des Motorsports die Anwälte und Juristen viel zu viel Macht bekommen. Nicht zuletzt bei der Rallye Dakar: Dort fahren Autos und Motorräder zusammen. Der neue Sportleiter Marc Coma ist ein ehemaliger Motorradfahrer. Und er wundert sich jedes Mal aufs Neue, dass bei jedem Änderungsvorschlag der sportlichen Leitung aus der Auto-Fraktion jeweils sofort die Anwälte zu Wort kommen – während bei den Motorradlern die Teamchefs ihre Meinung äußern.

Es gibt kein plakativeres Beispiel für die Schieflage im Automobilsport.

Was sind nun aber die Folgen des Freispruchs auf Bewährung? Dass Vettel ein schlechtes Vorbild für die FIA-Kampagne für mehr Sicherheit im Straßenverkehr sei – geschenkt. Das denkt nur, wer den Einfluss der Formel 1-Fahrer auf langfristige Eindrücke in der breiten Öffentlichkeit überhöht.

Für den inneren Kreis des Motorsports aber ist das Urteil ein Problem. Denn junge Rennfahrer in den Nachwuchsformeln sehen jetzt, dass es okay sei, mit rüden Aktionen und Wildwestmanier ihren Claim gegen Rivalen abzustecken. Wir hatten so eine unfreiwillige Referenz aus der Formel 1 schon einmal: Als Michael Schumacher seine Gegner mehrfach bis auf Zentimeterabstand an Boxenmauer oder Streckenrand abdrängte, ahmten die Junioren dieses Rüberziehen und Wegdrängeln plötzlich reihenweise nach. Nicht immer hatten sie das Augenmaß von Schumi: Mangels Erfahrung entstanden so einige haarige Unfälle. Jetzt sieht er Nachwuchs: Revanchefouls oder auch vorbeugende Rüpeleien wie im Kabinengang vor einem Fußballländerspiel sind völlig okay.

Und in der Formel 1 selbst hat das Urteil die Erkenntnis durchgesetzt: Man kann sich fast alles erlauben, wenn man sich hinterher nur auf anwaltlichen Rat entschuldigt, kommt man schon damit durch.

Ich fürchte, dass bei den nächsten Rennen wieder eine Strafenorgie von den Sportkommissaren ausgeht. Denn die müssen nach ihrer Fehlentscheidung von Baku wieder demonstrieren, dass sie die wahre Deutungshoheit über den Fahrethos der Formel 1 haben. Der Fall ist also alles andere als abgeschlossen.

Wichtig ist nur, dass die SpoKos sich dann die Mühe machen, sich wirklich in die Situation und die Denke von Fahrern hineinzuversetzen. Und dass sie dafür überhaupt das nötige Einfühlungsvermögen und den benötigten Sachverstand haben. Denn oft sind die Dinge und vor allem tieferen Zusammenhänge nicht so, wie sie auf den ersten Blick scheinen. Siehe nicht zuletzt den Skandal um Sagan und Cavendish bei der Tour.

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