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Daily Dakar, Episode 18: The Winners Take it All

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Dieses Bild hat Laia Sanz gestern Abend auf Twitter rumgezeigt. Man sieht die Füße einer Hundertjährigen am Körper einer hübschen jungen Frau.

Keine Worte könnten besser beschreiben, was die Rallye Dakar bedeutet als diese eine Foto. Nicht mal jene von Romain Dumas, dem Sportwagen-Weltmeister und Dakar-Privatier, im Editorial der aktuellen Ausgabe unserer Zeitschrift PITWALK.

Denn auf dem Bild sieht man zweierlei: die brutalen Strapazen, die diese Rallye ihren Teilnehmern zumutet – und das Glücksgefühl, das sie gleichzeitig in ihnen auslöst.

Man muss schon aus einem ganz besonderen Holz geschnitzt sein, um diese Strapazen toll zu finden. Aber alle, die heute Abend in Buenos Aires über die Zielrampe fahren, tun genau das: Sie sind restlos begeistert von dem zweiwöchigen Marathon, den sie gerade abgespult haben.

Das Honda-Team hat sich heute per Pressemitteilung als moralischen Sieger der Motorradwertung gefeiert. Eine nüchterne Zahlen- und Zeitenanalyse unterstützt diese Interpretation der Rallye, keine Frage.

Aber für mich gibt es viel mehr und ganz andere moralische Sieger. Natürlich die vielen Privatfahrer, die einfach nur aus Spaß am Sport oder am Abenteuer die Qual auf sich genommen haben. Viele von ihnen freuen sich heute Abend einfach nur über die Zielankunft, egal ob auf Platz 79 oder 99. Für sie galt es, den eigenen Schweinehund zu überwinden und sich selbst zu beweisen, dass sie sich auch von der größten Herausforderung nicht klein kriegen lassen.

Wie oft habe ich das in den vergangenen Wochen gehört? „Ich will nur ins Ziel kommen. Egal auf welchem Platz.“ Für Motorsport-Puritaner ist das eine – zugegebenermaßen – wunderliche Einstellung. Aber die Dakar ist eben so viel mehr als nur der reine Kampf um Meter und Sekunden.

Man muss sich auf diese Rallye einlassen, um das zu verstehen. Aber wenn sogar jemand wie Tom Coronel, aus der Tourenwagen-WM als beinharter Fighter bekannt, genau dieser Marschroute folgt, dann muss da was dran sein. Stephan Schott ist ein anderer dieser Gattung, ich nenne ihn gern Edel-Privatier. Denn als ehemaliger Mitinhaber der Werkzeugfirma KS-Tools, der seine Anteile daran verkauft hat, ist er finanziell so gestellt, dass es bei ihm nicht durchs Dach tröpfelt. Und schon als Firmenboss hat er sich regelmäßig bei X-Raid eingemietet, um mit Top-Material, aber als Amateur eben dennoch ohne Siegchance durch die Dakar zu kommen.

Wenn man sich mit ihm dann über seine Erlebnisse unterhält, dann merkt man schon an seiner hüpfenden Stimme und seinem Strahlen, wie viel es ihm bedeutet, Jahr für Jahr dieses Abenteuer erleben zu dürfen.

Aber es gibt noch viel heimlichere und viel größere Helden. Angefangen mit Dumas und Matthias Behringer. Die beiden haben sich in den vergangenen Tagen als die größten Helfer in der Not anderer erwiesen. Dumas, als Profi-Rennfahrer eigentlich dem Egoismus geschuldet, hält bei Gestrandeten an, wo andere einfach weiterfahren. Und Behringer, eigentlich als schneller Ersthelfer-Lkw für das Southspeed-Team unterwegs, hat wohl mehr in die Bredouille geratene Teilnehmer freigeschleppt als jeder andere des Feldes. Der Schwabe mit seinem eigenen MAN Race Truck hat eigentlich einen Sonderorden verdient für das größte Herz und die meiste Selbstlosigkeit im Feld.

Sowieso, diese Lkw-Fahrer. Nicht nur diejenigen, welche auf den Wertungsprüfungen als Fast Assistance unterwegs sind, sondern vor allem die vielen Namenlosen, die den Tross begleiten. Jeden Tag gut 10 Stunden auf der Landstraße, Tag für Tag von einem Etappenziel zum nächsten. Oft sind die Lkw-Kutscher auch diejenigen, die im Biwak nach ihrer Ankunft schnell die Infrastruktur aufbauen müssen, in der dann die Mechaniker arbeiten, und die am Morgen den ganzen Kram wieder niederreißen und für die Fahrt ins nächste Biwak verstauen müssen.

Gestern Abend habe ich noch mit Andy Schulz, dem Beifahrer von Orlando Terranova aus der X-Raid-Mannschaft, über genau diese Jungs philosophiert. „Der Service kommt nicht mit“, fiel dem kernigen Bayern auf. „Die 80 km/h, die sie nur fahren dürfen, sind viel zu langsam. In Bolivien findest du kilometerweit kein einziges Auto, und die müssen da so dahinschleichen. Da ist das Tempolimit zu niedrig; da muss sich keiner wundern, wenn dann auch mal einer am Steuer einschläft. Denn jeder braucht pro Tag 10 bis 14 Stunden Fahrtzeit von einem Biwak zum nächsten.“

An solche Probleme denkt keiner, wenn er die Rallye rein sportlich verfolgt. Aber ohne das Heer der Unermüdlichen könnte das ganze Spektakel nicht funktionieren. Gerade in den Tagen nach dem Erdrutsch von Volkan, der die ganze Anfahrt zweier Tage durcheinandergewürfelt hat, muss man auch den Lkw-Fahrer und dem Begleittross größten Respekt zollen – und nachdenklich werden, was diese Leute für einen oft nur geringen Lohn auf sich nehmen. Vor allem aus Liebe zur Dakar.

Genau wie die Mechaniker, die ich in ihrer Arbeitsbelastung und ihrem Enthusiasmus auf eine Stufe stellen möchte mit den Schraubern aus der Formel 1. Natürlich hinkt der Vergleich, denn ein Grand Prix-Auto ist deutlich komplizierter und für die Mechaniker unzugänglicher als ein Marathonrallyewagen. Aber die Rundstreckenschrauber arbeiten in einem sauberen Umfeld, werden gut verpflegt und schlafen in Hotels, wenn auch stets zu zweit oder noch mehr in einem Zimmer.

Die Dakar-Mechaniker müssen in einem ungastlichen Umfeld arbeiten, länger, härter und meist auch viel improvisierter. Ich wüsste keine Form des Motorsports, in der es auch die Mechaniker so schwer haben. Und doch wird ihre Leistung von uns Beobachtern einfach so hingenommen, als sei es so selbstverständlich wie dass es jeden Morgen wieder hell wird.

Das ist es nicht, denn der Antrieb all’ dieser anonymen Dakar-Süchtigen ist nicht das Geld, nicht Ruhm und Ehr’ – sondern einzig und allein der Mythos Dakar und die Faszination Motorsport. Je weiter nach hinten man ins Biwak kommt, desto größer wird dieser Enthusiasmus. Da schrauben dann oft Kumpels und Familienmitglieder für lau, nur gegen Kost und Logis – des gemeinsamen einzigartigen Erlebnisses wegen.

Ich habe mich richtig gefreut, dass einer wie Andy Schulz auch mitten im tobenden Wettbewerb die Umsicht hat, darüber nachzudenken.

Die Hände der Mechaniker sehen jedenfalls noch geschundener aus als die Füße von Laia Sanz.

Und deswegen wird auch heute Abend so manches Versprechen platzen. In Buenos Aires, haben viele schon lange angekündigt, wenn wir im Ziel sind, dann lassen wir’s richtig krachen; dann dürfen wir ja endlich wieder.

Doch die meisten Partys werden heute Abend nach einer Handvoll Bier austrudeln. Weil alle viel zu schachmatt für mehr sind.

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