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Das Wort zur Sommerpause

  28.07.2017    

Beim letzten Rennen vor den Sommerferien stellen sich Ferrari und Mercedes die Zeugnisse aus. Ausgerechnet auf dem engen Hungaroring verabschiedet sich die Formel 1 in den Urlaub. Und das Jahr 2017 verläuft so turbulent, dass keiner der Hauptdarsteller es sich leisten kann, frei zu machen. Vielmehr müssen Mercedes und Ferrari in der Sommerpause mit Hochdruck ihre Hausaufgaben machen, um die Weichen für die entscheidende zweite Saisonhälfte zu stellen.

Offiziell gilt in den Ferien ein Arbeitsverbot. Die Teammitglieder dürfen nicht mal mehr an ihren Arbeitsplatz kommen. Das ist ein Teil eines Kostensenkungsprogramms, das schon seit ein paar Jahren greift. Aber es geht an der Realität vorbei: Die meiste Arbeit der Ingenieure findet in deren Köpfen statt. Und kein Verbandsregelwerk der Welt kann es Menschen verbieten, sich zu Hause einen Computer mit ausreichend Rechnerleistung und entsprechenden Programmen hinzustellen, um in der Freizeit an dem rumzuspielen. Oder Ähnliches zu machen, das dann ganz plötzlich in der Umsetzung einer neuen Idee am ersten Tag nach dem Zwangsurlaub mündet.

So kommt die Formel 1 seit ein paar Saisons alljährlich runderneuert aus der Sommerpause zurück. Meistens war es das Team, in dem Sebastian Vettel fuhr, das bei den ersten Großen Preisen nach den Ferien den besten Eindruck hinterließ. Denn Vettel treibt seine Hintermänner zur Arbeit an, während Rivale Lewis Hamilton sich eher auf die süßen Seiten des Lebens besinnt und das Team außen vor lässt, wenn er seine Akkus auflädt.

Budapest ist ein Rennen, das Weichen stellt. Vettel meint, Mercedes könne in der Qualifikation mit schärferen Motoreinstellungen fahren als Ferrari, das mache etwa 15 PS mehr Leistung für die Silbernen aus. Das könnte vor den Toren Ungarns mit entscheidend sein.

Denn eigentlich ist die Rennstrecke nur eine hochkopierte Kartbahn in einer großen Kuhle. Es gibt keine langgezogenen, schnellen Kurven, nur langsame Passagen und eine mittellange Gerade. Motorleistung ist gegenüber der Straßenlage nachranging. Und weil die Ferrari über einen deutlich kürzeren Radstand als die Mercedes verfügen, liegt die winklige Strecke in der Puszta Vettels Auto eigentlich klar mehr als Hamiltons.

Doch wenn Hamilton und Valtteri Bottas in der Qualifikation mehr Leistung zünden können als Vettel und Kimi Räikkönen, dann können die beiden sich die erste Startreihe teilen – und dann im Rennen als Schrittmacher Tempo und Taktik vorgeben. Ferrari muss dann über die strategische Schiene schauen, dass sie Vettel an den im Rennen wieder langsameren Silbernen vorbei bringen. Entweder mit einem vorgezogenen Boxenstopp, nach dem Vettel dann ein paar Runden allein dreht und freie Fahrt hat. Oder mit einem deutlich späteren, wenn man es schafft, die Reifen so lange am Leben zu erhalten.

Aber bei der Taktik hat Ferrari in der Vergangenheit meist daneben gelangt. Und nach den Reifenschäden bei Vettel und Räikkönen beim letzten Rennen ist die Variante, mit dem Luftdruck oder der Lebensdauer der Pneus zu pokern, für die Roten ein Vabanquespiel geworden. Denn Ferrari und Pirelli schieben sich gegenseitig die Schuld an den beiden Reifenplatzern von Silverstone zu, statt konstruktiv an Lösungen und vor allem einem Verhindern in der Zukunft zu arbeiten. Die Eitelkeit von Pirelli kommt für Vettel zur Unzeit.

Nominell ist Vettel der Favorit auf einen Sieg in Ungarn. Eigentlich müsste es sogar einen Doppelsieg setzen, wenn Ferrari alles richtig macht. Doch das ist nur Theorie. Seit Luca Baldisseri, der ehemalige Renningenieur von Michael Schumacher, das Ferrari-Formel 1-Team verlassen hat, geht dort die Taktik regelmäßig in die Binsen. Baldisseri hat sich erst zur Betreuung des Juniorausbildungskaders von Ferrari versetzen lassen und dann vor zwei Jahren das Prema Power-Team in der Formel 3-EM übernommen. Dort hat der schwerreiche Vater von Lance Stroll den Italiener als Teamchef installiert, als die Familie Stroll Prema zwecks Grundausbildung von Stroll für die Formel 1-Karriere bei Williams in Bausch und Bogen gekauft hat.

Der Plan ist aufgegangen: Stroll gewann mit Prema die Formel 3-EM. Auch, weil er einen Vertrag hatte, in dem klar geregelt war, wann ihn seine Teamkollegen überholen dürfen und wann nicht – eigentlich durften sie es nie. Jetzt fährt Mick Schumacher, der Sohn von Michael, bei Prema Power mit Baldisseri in der Formel 3 – und das ehemalige Formel 1-Team aus Maranello leidet immer noch darunter, keinen adäquaten Ersatz für den Renningenieur mit dem großen Überblick und umfassenden taktischen Verständnis gefunden zu haben.

In Budapest kommt es mehr denn je darauf an, dass die Lücke geschlossen wird. Denn nur dann kann Vettel die zu erwartende Überlegenheit seines Autos wieder in eine komfortable WM-Führung ummünzen – und dem Team so den Motivationsschub geben, auch im Urlaub mit Volldampf zu arbeiten.

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