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Der Traum von der Triple Crown

  12.04.2017    

Da hat Fernando Alonso aber allen ein Ei gelegt. Mitten im Duell der Giganten – Lewis Hamilton und Sebastian Vettel – stahl der Spanier allen die Schau. Er wird dieses Jahr das Rennen in Monaco auslassen, um stattdessen beim Indy 500 an den Start zu gehen.

Das klingt beim ersten Hinhören nach grobem Unfug. Doch das 500 Meilen-Rennen von Indianapolis gehört zu den geschichtsträchtigsten und wichtigsten Motorsport-Veranstaltungen der Welt, gefahren auf einem ultraschnellen Ovalkurs im Mittleren Westen der USA.

Die Höchstgeschwindigkeitsorgie feierte im vergangenen Jahr seine 100. Auflage. Die Strecke außerhalb von Indianapolis, etwa vier Autostunden südlich von Chicago gelegen, war einst als Testbahn für die Autoindustrie entstanden, aber schon sehr bald für Rennen umgewidmet worden. Fahren im Oval, immer Linksrum und meist ohne zu bremsen, ist in den USA unheimlich populär, hierzulande aber als zu einfach und stupide verschrien.

Die Geschichte des Indy 500 ist gespickt mit Formel 1-Gaststartern. In den Sechzigern und Siebzigern verdingten sich die Grand Prix-Piloten neben der Formel 1 noch in anderen Serien, darunter die Formel 2 und eben die IndyCars, die nach der Keimzelle ihres Sports – dem Indianapolis Motor Speedway – benannt sind. Einige wenige Male zählte das Indy 500 sogar zur Formel 1-WM.

In den Achtzigern und frühen Neunzigern avancierte Indy und die angedockte Meisterschaft dann zu einem Auffangbecken von Piloten, die für die Formel 1 zu alt geworden waren: Emerson Fittipaldi, Mario Andretti, Nigel Mansell, Nelson Piquet; selbst Ayrton Senna fuhr einen IndyCar-Test, als er bei seinen Vertragsverhandlungen in der Formel 1 in einer Sackgasse steckte.

Dass in Indy kürzlich auch einige Formel 1-WM-Läufe stattfanden, hat mit dem 500 nix zu tun: Dafür wurde eine eigene Kombination aus Oval und Geschlängel im riesigen Innenfeld gebaut, die aber keine Begeisterung auslöste – weder bei den Amis noch bei uns Formel 1-Insidern.

Obwohl die IndyCar-Serie in den vergangenen Jahren reichlich runtergewirtschaftet wurde, üben dien 500 Meilen immer noch eine Riesenfaszination aus. Schließlich gilt es für geschichtsbewusste Rennfahrer immer noch, einen Rekord zu brechen. Es gibt die sogenannte „Triple Crown“ des Motorsports: Siege beim Formel 1-Grand Prix von Monaco, bei den 24 Stunden von Le Mans und den 500 Meilen von Indianapolis. Bislang hat es nur ein Fahrer geschafft, diese drei wichtigsten Rennen zu gewinnen: Graham Hill in den Sechzigern, der Vater des späteren Schumi-Erzrivalen Damon Hill.

Die Triple Crown ist in etwa so, als würde eine Rockband in einem Monat den Madison Square Garden in New York, das Budokan-Theater in Tokio und das Hammersmith Odeon in London ausverkaufen.
Das weiß aber nur, wer sich für solche Fragen der Ehre interessiert. Michael Schumacher etwa war schon Le Mans immer zu gefährlich, an die knapp 400 km/h schnellen IndyCars dachte der siebenfache Formel 1-Weltmeister schon grad gar nicht, deswegen war er nie ein Triple Crown-Anwärter.

Aber es gibt zwei Piloten, die sich genau dieses Ziel vorgenommen haben, und beide haben sich ausgerechnet am Austragungsort des nächsten Grands Prix damit befasst: Alonso – und Juan Pablo Montoya aus Kolumbien. Beide waren in zwei aufeinander folgenden Jahren jeweils bei Porsches Sportwagen-WM-Team zu Gast, als die schwäbischen Le Mans-Sieger in Bahrein ihre WM-Finals fuhren. Ich war beide Male ebenfalls auf der Insel im Persischen Golf, und es war drollig zu sehen, welch’ große Bögen Alonso und Montoya um mich machten – damit sie mir ja keine drängenden investigativen Fragen beantworten mussten.

Offiziell waren sie nur aus Spaß und auf Urlaub in Bahrein, lauteten die Beteuerungen.

Na klar. Und die Sonne ist auch zischend erloschen, wenn sie abends vorm Weststrand von Norderney in die Nordsee gefallen ist.

Montoya und Alonso haben Monaco schon gewonnen, „JPM“ war auch schon zwei Mal Sieger des Indy 500. Das muss Alonso jetzt schaffen – und dann braucht er einen Platz bei Porsche oder Toyota, um auch in Le Mans zu siegen.

Dass er das kann, hält er für selbstverständlich. Denn viele Ingenieure in der Formel 1 beteuern immer noch, er sei der beste Grand Prix-Fahrer der Gegenwart, besser noch als Lewis Hamilton. Der hat denn ja auch gleich mal blockiert, dass Alonso als Nachfolger von Nico Rosberg zu Mercedes kommt.

Alonso hat sich mit ebenso bemerkenswerter wie unglücklicher Präzision schon seit Jahren immer in die falschen Formel 1-Cockpits gesetzt. Ferrari war in der Flaute, als der Iberer kam, bei McLaren herrscht auch nur Chaos. Die Flucht nach Indy ist dagegen wie ein Urlaub: Dort ist Honda nach den ersten beiden IndyCar-Rennen die überlegene Marke, Alonso hat reelle Chancen, gleich im ersten Jahr das Indy 500 zu gewinnen.
Genau wie Graham Hill, sein Vorbild als Triple Crown-Inhaber.

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