‹‹ Zurück zur Übersicht

Ferraris großes Missverständnis

Das Bild wird mir immer im Gedächtnis bleiben. Beim Großen Preis von Montréal sind bibergroße Nagetiere ständige Gäste. Die possierlichen Tiere leben an den Ufern der Insel im St.-Lorenz-Strom und kommen immer mal rüber zur Grand Prix-Gemeinde.

Auch auf jene schmalen Asphaltstraßen längs des Ruderbeckens, neben dem die Fahrerlagergemeinde ihre Mietwagen parkt.
Dort passierte es eines Abends, als wir alle Feierabend hatten und zu unseren Autos gingen: Ein mit Ferrari-Mechanikern voll besetztes Auto hielt voll auf eines dieser Murmeltiere zu, das arglos die Straße kreuzte. Kurz noch mal Vollgas geben, mit dem Lenkrad genau zielen – dann hoppelt das Auto genau über den Nager, der keine Chance zum Ausweichen oder Überleben hat.

Die Ferrari-Mechaniker im Auto lachen sich kaputt über ihre mutige Einlage.

Es ist nur eine Episode, ausgelöst von einem Ferrari-Mitarbeiter, der offensichtlich geistig fehlgeleitet ist oder war. Aber sie offenbar viel von jenem Selbstverständnis, mit dem Ferrari in der Formel 1 agiert: Kein Team hat so arrogante Leute wie die Italiener, vom einfachen Mechaniker angefangen bis rauf in die Chefetage.

Das ist kein Wunder. Denn seit Jahrzehnten wird Ferrari erfolgreich vorgemacht, dass die Marke aus Maranello für die Formel 1 überlebensnotwendig sei. Mit Vorzugsbehandlungen und Sonderzahlungen aus den Start- und Preisgeldtöpfen, mit Regelbeugungen bei Berufungsverhandlungen, mit stillschweigend tolerierten Ausnahmen etwa in Sachen maximal erlaubter Beschäftigter vor Ort an den Rennstrecken: So gilt es als offenes Geheimnis, dass die Italiener manche Techniker als Reinigungskräfte deklarieren, um so mehr Fachpersonal an den Strecken zu haben als andere Teams, die sich an die Personalbeschränkung im Regelwerk halten.
In Wahrheit ist Ferrari für die Formel 1 bei Weitem nicht so wichtg. Wenn die Italiener nicht mehr fahren, geht daran weder die Serie zugrunde noch die Welt unter. Es wäre einfach nur ein geschichtsträchtiges Team weniger da, mehr nicht.

Zu Saisonbeginn 2017 hat Ferrari sich mal wieder besonders daneben benommen. Die Italiener haben ihren sämtlichen Mitarbeitern im Umgang mit der Presse einen Maulkorb verpasst. Kommuniziert und interviewt wird nur noch bei unvermeidbaren Anlässen, etwa den nichtssagenden Pressekonferenzen, welche der Verband FIA ausrichtet, oder bei den ebenfalls von der FIA vorgeschriebenen Fernsehrunden im Viehgatter.

Firmengründer Enzo Ferrari hat den Motorsport einst aus zwei Gründen betrieben: aus Leidenschaft und um die eigenen Seriensportwagen zu bewerben. Der ikonenhafte Italiener, der stets mit lila Tinte schrieb, würde sich im Grabe umdrehen, wenn er wüsste, wie seine Nachfolger sich anstellen.

Ferraris Formel 1-Team ist wegen seiner komischen Art für Journalisten schon immer ein schweres Pflaster geworden. Wenn’s gut läuft, erklären einem die Pressesprecher nur, wie Journalismus funktioniert. Meistens lügen sie einen aber einfach an, gern falten sie einen auch lautstark und mit handfesten Drohungen zusammen. Zum Glück sind in der Formel 1 – anders als im deutschen nationalen Rennsport oder etwa in der GT3 – die meisten Journalisten genauso gut und voll ausgebildet wie ich, mit Volontariat und allem Pipapo, sodass alle Versuche, uns eine lange Nase zu drehen, auf mittlere und lange Sicht doch immer wieder auffliegen und aufs Team zurückfallen. Lernen tun die Presseleute von Ferrari – wir nennen sie „Presseverhinderer“ – daraus trotzdem nichts.

Der Medienboykott vom Saisonbeginn ist ein neuer Tiefpunkt. Es gibt in der Formel 1 immer wieder bockige Teamvertreter oder beleidigte Leberwürste, die mit dem einen oder anderen Journalisten nicht mehr sprechen wollen, weil sie sich ungerecht behandelt fühlen. Für einen Journalisten sind solche Reaktionen in der Regel ein Ritterschlag, zeigen sie doch, dass der Reporter etwas rausgekriegt hat, das der Teamchef ums Verrecken geheim halten wollte. Die Teamvertreter fühlen sich dann stark und überlegen, aber dieser Eindruck täuscht – und irgendwann kommen sie doch wieder angebiedert.

Mein persönliches plakatives Erlebnis diesbezüglich ist Toro-Rosso-Teamchef Franz Tost. Aber diese Geschichte ist lang genug für einen eigenen Blog, eigentlich passt sie auch prima in PITWALK, so bezeichnend ist sie für Tost und die Formel 1. Mal sehen, was ich daraus noch mal mache.

Der totale Medienboykott von Ferrari hat eine andere Qualität. Denn dass ein Team einen ganzen Berufsstand in Sippenhaft nimmt, ist neu. Scheinbar merkt die Chefetage nicht, wie sehr sie mit solch’ einer Maßgabe dem Ruf des ganzen Unternehmens schadet – nicht nur jenem des Formel 1-Teams, sondern auch der Serienauto-Verkaufssparte. Denn warum sollte man sich Autos von einer Marke kaufen, deren Mitarbeiter nicht mit den Kunden kommunizieren mögen?

Der von Enzo Ferrari einst propagierte und forcierte Sympathiegewinn für die Marke, den der Rennsport bringen soll, verkehrt sich so glatt ins Gegenteil. Ferrari sammelt Antipathiepunkte; andere Sportwagenmarken mit Mythos wie etwa Porsche oder der neue Rivale McLaren werden von der Blockadehaltung der Italiener profitieren, wenn es um Kaufentscheidungen der betuchten Kundschaft geht.

Eigentlich müsste man auf die Attitüde der Italiener so reagieren wie es einst eine englische Fachzeitschrift gemacht hat, als ein Fahrer gerade mal stinkig auf deren Reporter war und nicht mit ihm sprach – mit einer weißen Seite ohne Text und Fotos, auf der nur zwei Sätze standen: „Hier war der Bericht über Fahrer xy vorgesehen. Aber der spricht nicht mit uns, also können wir Ihnen auch nichts über ihn berichten.“
In Zeiten, in denen das Internet jede Kleinigkeit zugunsten von mehr Klicks wiederkäut, kann solch’ eine Konsequenz nicht mehr funktionieren.

Aber Ferrari könnte ja auch selbst konsequent sein: Wenn sie keine Berichterstattung wünschen, könnten die Italiener ja auch einfach zuhause bleiben. Sie würden von deutlich weniger Menschen vermisst werden als sie glauben.

‹‹ Zurück zur Übersicht