‹‹ Zurück zur Übersicht

Hinter dem Polit-Geschacher um die Formel 1-Zukunft

Jetzt geht das schon wieder los. An diesem Wochenende haben die Chefs der neuen Trägergesellschaft der Formel 1 ihre Pläne für die Königsklasse der Zukunft präsentiert. Und wie nicht anders zu erwarten, setzte nach der Besprechung in Bahrein umgehend großes Palaver unter den Teamchefs ein.

Man fühlt sich glatt um eine Dekade zurückversetzt. Die Diskussionen kreisen wieder – oder vielleicht auch immer noch – ums selbe Thema: das Geld. Die Kosten sind zu hoch, die Einnahmemöglichkeiten für die Teams zu niedrig. Das ist unstrittig. Aber die Wege aus der Finanzklemme bleiben fraglich. Und wieder wird das Schreckgespenst eines festgeschriebenen Höchstetats durchs Fahrerlager getrieben, den die Teams pro Jahr nicht überschreiten dürfen.

Genau diese Budgetobergrenze ist vor bummelig 10 Jahren schon mal angeregt worden. Sie war damals wie heute der Funke, an dem sich ein ganzer Dornbusch entzünden konnte. Die Abgrenzung zwischen „Haben wollen“ und „völliger Mumpitz“ zog sich damals schon wie die Berliner Mauer durchs Fahrerlager – und heute wird der Todesstreifen gleich wieder aufgebaut.

Ich habe mich bereits beim 24 Stunden-Rennen von Daytona in Florida Ende Januar mit Zak Brown, dem McLaren-Teamchef, über die Perspektiven der Formel 1 unterhalten. Der Amerikaner hatte in Daytona ein eigenes Sportwagenteam zu laufen, er empfing mich im tiefen Ledersofa seines typisch amerikanischen Riesenwohnmobils und legte mir eine halbe Stunde lang seine persönliche Rede zur Lage der Nation dar. Das meiste von dem, was Zak Brown da sagte, fand meine volle Zustimmung.

Auch und vor allem seine Forderung nach einer Etatobergrenze, die der bauchige Amerikaner vehement vertritt. Ebenso wie sein Landsmann Gene Haas übrigens, der das Überraschungsteam der vergangenen Jahre leitet. Oder Claire Williams, die First Lady beim gleichnamigen englischen Traditionsrennstall, eine durch und durch bewundernswerte Frau.

Nur: alles schon mal dagewesen. Als Max Mosley, der damalige FIA-Präsident, zum ersten Mal mit der Idee eines Höchstetats um die Ecke kam, war ich einer der wenigen Journalisten, welche die Idee bejahten. Damals waren die großen Hersteller von Toyota über Honda bis BMW noch in der Formel 1, sie alle wollten mit Konzernstrukturen den sportlichen Erfolg herbeiorganisieren und scheuten dabei keine Kosten und Mühen. Keinem von ihnen ist es gelungen, mit ihrer Konzerndenke Erfolg im Motorsport zu erzielen.

Doch das Befürworten der Budgetobergrenze hat dazu geführt, dass man im Fahrerlager ganz offen angefeindet und von manchen Herstellervertretern sogar zur Persona non grata erklärt wurde.

Nicht dass wir uns falsch verstehen: Das hat mich nie gestört, im Gegenteil – wer als Journalist von allen nur geliebt und gelobt wird, der hat irgendwas Grundsätzliches in seinem Berufsleben falsch gemacht. Viel Feind, viel Ehr’ – der Schnack gilt wohl außer bei Anwälten nirgends so sehr wie für gute Journalisten.

Aber die Verstocktheit, mit der die Herstellervertreter jedes Argument schon nach drei Worten abschmetterten, hat mich damals doch gewundert. Und phasenweise ging es sogar soweit, dass manche Teamverantwortlichen im Gespräch mit ihren Gegenpolen aus dem anderen Meinungslager bewusst Aussagen von mir verdreht haben, um mich so bei den Teamchefs, deren Meinung ich eigentlich teilte, als Reporter mit gespaltener Zunge darzustellen. Das hatte dann schon Grundschulpausenhofniveau, war aber – dank enger Vertrauter, die diesen Namen verdienten und die einen steten Infoaustausch pflegten – irgendwann auch schon wieder regelrecht spaßig.

Ich habe das Gefühl: Jetzt hat sich der Wind ein bisschen gedreht. Die Anzahl derer, die eine Budgetobergrenze befürworten, ist prozentual deutlich höher als beim ersten Anlauf. Weil die meisten Werksteams von damals von ihren Vorstandsvorsitzenden mangels Erfolgs aus der Formel 1 abgezogen worden sind, und weil die Kosten dennoch hoch gehalten wurden. Das Gesundschrumpfen, auf das wir alle ab 2009 so sehr gehofft hatten, ist nicht eingetreten, vor allem wegen Mercedes und Ferrari. Red Bull hat nur notgedrungen mitgezogen, mittlerweile aber spürbar die Nase voll.

Mit Zak Brown habe ich in Daytona auch über Kosten und Belegschaftsstärken der aktuellen Formel 1 geredet. Quintessenz: Er könne mir auch nicht sagen, wozu man einen Etat von 300 bis 400 Millionen Euro pro Jahr brauche – weil er diese Summen selbst für zu hoch erachte. Und er fände auch, dass 800 und noch mehr Mitarbeiter pro Team völlig überzogen seien.

Die tiefschürfenden Aussagen von Brown können Sie ebenso in der nächsten Ausgabe von PITWALK lesen wie weitere Stimmen und Hintergründe zu den Formel 1-Reformationstagen. Das Heft machen wir heute gerade fertig, es wird am 20.4. in den Handel kommen, Abonennten und Vorabbbesteller erhalten es natürlich schon vorher. Dank der langen Vorarbeit haben wir sichergestellt, dass unser Magazin sich schon mit der Regelreform beschäftigen konnte, ehe die Liberty-Medialisten sie in Bahrein publik gemacht haben. Denn unser Qualitätsjournalismus zeichnet sich eben auch durch entsprechende Kontakte und Fachwissen aus, um vorausschauend recherchieren und schreiben zu können.

Kommt der Umdenkprozess zur rechten Zeit? Oder wird er von Mercedes und Ferrari wieder torpediert? Oder, was noch schlimmer wäre – von den Formel 1-Mächtigen selbst kannibalisiert? Die nämlich befassen sich viel zu sehr mit Nebenkriegsschauplätze wie der Abschaffung von Grid Girls, der Gestaltung eines neuen „F1“-Logos und dem Aufbau eines nicht funktionstüchtigen Online-Streamingdienstes als Konkurrenz zum frei empfangbaren Fernsehprogramm und vernachlässigen dabei die wahren Probleme der Formel 1. Gleichzeitig gehen diese Investitionen aber so sehr ins Geld, dass sie erst mal prophylaktisch die Ausschüttungen aus den Start- und Preisgeldtöpfen zurückgefahren haben. Das trifft kleine Privatteams bis ins Mark.

Vielleicht ist aber all’ das auch Methode. Denn im Fahrerlager mehren sich die Stimmen, die vermuten: Der neue Formel 1-Ausrichter Liberty Media möchte die Formel 1 nicht zukunftsfähig reformieren – sondern nur finanziell sanieren und dann so schnell wie möglich Gewinn bringend weiterverkaufen.

‹‹ Zurück zur Übersicht