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Jetzt geht's erst richtig los

  13.07.2017    

Die Abreise vom Großen Preis von Österreich war ein ziemliches Schauspiel. Den berühmt-berüchtigten gelben Nummernschildern nach zu urteilen, war halb Holland am Montag auf der Rückreise von Spielberg ins Land hinter den Deichen. Max Verstappen mobilisiert die Massen, wie es in jüngerer Vergangenheit nur Michael Schumacher vermocht hat.

Weder Lewis Hamilton noch Sebastian Vettel nennen eine so große Schar weit reisender Anhänger ihr eigen wie der junge Niederländer. Klar, beim Heimrennen in Silverstone bricht wieder das große Hamilton-Fieber aus, aber Verstappen folgen seine frenetischen Landsleute überall hin. Das Bürschlein ist ein Phänomen, das der Formel 1 guttut.

Kein Wunder, dass es längst Gerüchte gibt, Ferrari werde sich die Dienste des besten Neulings seit Ayrton Senna sichern. Zumal Verstappen momentan bei Red Bull reichlich Frust schiebt: fünf Nullnummern in Serie, während Teamkollege Daniel Ricciardo an die großen Fleischtöpfe fährt. Regelmäßig.

Aber es soll sich keiner täuschen. Red Bull hat mit Verstappen einen wasserdichten Vertrag und überdies dessen Vater Jos auch noch als Talentspäher an der Seite von Motorsportkonsolent Dr. Helmut Marko an sich gebunden. Und Vettel wird einen Teufel tun, sich ausgerechnet Verstappen an die Seite zu holen.

Dass der Heppenheimer bei Ferrari bleibt, ist nur noch eine Frage von zwei Faktoren: Wie viel Geld kriegt er? Und wie viele Werbe- und PR-Tage muss er sich gefallen lassen? An beiden Details wird noch gefeilscht, doch bis zum Heimrennen in Monza wird eine Einigung erzielt sein, und dann bleibt Vettel die Nummer 1 bei den Roten.

Als solche genießt er auch ein Mitspracherecht über seinen Teamkollegen. Das Letzte, was er braucht, ist wieder ein Stallgefährte, der ihm so zusetzen kann wie Daniel Ricciardo zum Ausklang seiner Red Bull-Zeit. Deswegen weiß Vettel nur zu genau: Es gilt zu verhindern, dass einer der beiden jetzigen roten Bullen zu Ferrari kommt. Ricciardo hat ihn schon mit gleichen Waffen geschlagen, Verstappen ist das auch jederzeit zuzutrauen. Kein Wunder, dass Vettel sich intern für einen Verbleib von Kimi Räikkönen stark macht: Mit dem kommt er menschlich gut aus, und fahrerisch ist er solange keine Gefahr, wie der Finne nicht auch anfängt, mit Vettel’schen Fleiß hinter den Kulissen mit den Ingenieuren zu arbeiten. Das aber liegt dem Nordmann fern.

Es gibt nicht wenige im Fahrerlager, die meinen, in der WM sei spätestens seit dem ehemaligen Österreichring eine Vorentscheidung zugunsten von Sebastian Vettel gefallen. Immerhin hat er mittlerweile ein Punktepolster, das einen ganzen Ausfall kompensieren könnte. Aber Vorsicht: Lewis Hamilton wird am Wochenende in Silverstone zu unheimlicher Form erwachsen. Denn der Brite saugt die Atmosphäre seiner frenetischen Landsleute in sich auf wie der Frontmann einer Rockband die Stimmung bei einem vollgepackten Stadionkonzert. Und das ist durchaus wörtlich zu nehmen. Der Engländer badet in der Menge wie beim Stagediving und bezieht aus der Unterstützung eine ungeahnte Motivationsspritze.

Nicht umsonst hat er das Schaulaufen der Formel 1 am Londoner Trafalgar Square diese Woche geschwänzt und sich stattdessen mit seinem Partyvolk umgeben. Das hat ihm zwar wieder unausweichliche Kritik von den bissigen Fleet-Street-Journalisten seiner Heimat eingetragen. Aber es ist Teil der wohlkalkulierten Vorbereitung auf sein Heimspiel. Hamilton braucht solche Phasen der absoluten Entspannung, in denen er aus der Tretmühle der Formel 1 ausbricht und andernorts Dampf ablässt. Anders als zu McLaren-Zeiten, ist er mittlerweile imstande, beide Lebensformen voneinander zu trennen. Er wird immer dann besonders stark, wenn er sich vorher den Kopf freigepustet hat.

In Silverstone beginnt Teil 1 seiner großen Aufholjagd. Und die Sommerpause wird der Lebemann aus Stevenage dazu nutzen, noch weiter Energie aufzutanken und Vettel in der zweiten Saisonhalbzeit das Leben schwer zu machen. Es kommen einige Strecken, auf denen der längere Radstand seines Mercedes den Silberpfeil gegenüber den Ferrari wieder überlegen machen wird. Dann erleben wir eine ähnliche Aufholjagd von Hamilton wie im vergangenen Jahr nach der Serie von Auftaktschlappen gegen Nico Rosberg. Auch dieses Jahr steht uns ein gewaltiges Saisonfinale bevor, Silverstone wird nur die Ouvertüre.

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