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Von der IAA nach Singapur

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Kurz vor Singapur stand noch die IAA in Frankfurt auf dem Programm, mit den sogenannten Pressetagen, gefolgt von den Fachbesuchertagen. Was ich da sah und beim offiziellen Eröffnungsempfang mit Bundeskanzlerin Angela Merkel auch hörte, hinterlässt gemischte Gefühle.

Der Stand von Mercedes auf der Messe hat etwa 60 Millionen Euro gekostet, mit aller Ausrüstung, Nebenkosten und Pipapo natürlich. Das ist fast so viel wie drei Viertel einer Grand Prix-Saison – für zwei Wochen, an denen 80 Prozent der Besucher den Stand zwar bewundernd wahrnehmen, sich aber niemals einen Mercedes kaufen würden.

Ist das eine lohnende Investition?

Bei Audi stand der Papageien-artige Dallara, mit dem Abt-Audi die Elektrorennserie Formel E gewonnen hat. Jene Meisterschaft also, in die BMW, Porsche und Mercedes wie die Lemminge einwandern. Kaum ein Standbesucher schenkte dem Wagen Beachtung. Ein paar Meter hing ein ausgebauter, von allen Seiten einzusehender V10-Motor aus dem Sportwagen Audi R8 an einem Ständer – und zog die Besucher an wie ein Magnet.

Ist die Formel E wirklich der Motorsport der Zukunft?

Mercedes hat eine Studie hingestellt, in der AMG die Technik aus der Formel 1 verbaut hat, inklusive Abgasenergierückgewinnung am Turbo. Der Motor hat einen thermischen Wirkungsgrad von über 50 Prozent, vor allem dank der Vorkammerzündung. Das senkt den Verbrauch. Aber: Die dazu nötigen technischen Voraussetzungen im Inneren des Motors, etwa die Drücke, treiben als Nebeneffekt den Stickstoffausstoß nach oben. Also genau jenes Teufelszeugs, wegen dem die Diesel in Verruf geraten sind und Fahrverbote drohen.

Ist das eine nachhaltige Interpretation und Umsetzung der Formel 1-Entwicklung?

Auf alle drei Fragen kann man nur ein klares „Nein“ antworten.

Angela Merkel hat in ihrer Rede gemahnt, die Autohersteller müssten den Kunden begreiflich machen, dass die heutigen Assistenzsysteme wie Abstandswahrer, Spurassi und Notbremser die ersten Vorstufen zu einem vollautomatisierten Fahren seien – und den Kunden so die Scheu vor dem absurd-futuristisch Wirkenden zu nehmen. Hätte sie dasselbe mal bloß auch über die Elektroautos gesagt – denn da ist die Industrie noch viel mehr gefragt, mögliche Käufer zu überzeugen. Bislang ist sie davon noch weit weg, zumal die Dieselumtauschprämie sich auch als Flop erwiesen hat – die betroffenen ganz alten Selbstzünder sind kaum in Privatbesitz, sodass auch kaum Privatiers das Geschenk in Anspruch nehmen können.

Die Messe hat nicht nur gezeigt, dass die Ratlosigkeit über die genaue Richtung einer künftigen Mobilität noch immer nicht ausgemerzt ist. Sie hat auch offenbart, dass der Motorsport dabei keine Rolle spielt. Denn nur auf den wenigsten Ständen fanden sich überhaupt Rennexponate: Porsche hatte den 919 aus Le Mans, Toyota einen Hilux Pickup von der Rallye Dakar, Citroën das Rallye-WM-Auto sogar so gut versteckt, dass man es kaum sah. Irgendwo standen versprengte DTM-Wagen rum, bei Ford war der Le Mans-GT und dessen Vorfahr zu sehen, bei Mercedes natürlich ein Formel 1.

Seit Michael Schumacher sitzt die deutsche Industrie und auch die Medienlandschaft dem Irrglauben auf, der Motorsport müsse ein Massenphänomen sein; die Formel 1 sowieso, aber auch alle anderen Sparten müsse mindestens Millionen begeistern. Die IAA hat Realismus wieder eine Chance gegeben: Schumacher war ein Ausnahmephänomen, auch befeuert von den Jahren nach der deutschen Einheit, in der er der erste zugängliche Star aller Deutschen in Ost und West war. Er hat einen Hype ausgelöst, aber keinen Boom. Jetzt schrumpft der Motorsport sich wieder gesund und fällt in ein relatives Nischendasein zurück, das Hersteller und Sponsoren prima nutzen können – wenn sie die Wahrheit akzeptieren und ihre Aktivierung entsprechend anpassen. Man kann mit dem Motorsport genau die Leute erreichen, die sich für Autos begeistern, und die auch zu Kunden machen. Auch zu Käufern der Produkte von Sponsoren, die im Rennsport werben. Aber mehr auch nicht. Eine Riesenfangemeinde wie der Fußball wird Motorsport nie haben.

Da ändert auch das Nachtrennen von Singapur am Wochenende nichts. Das Stadtrennen in Asiens sauberster Metropole ist ein Riesenspektakel, und es wird Sebastian Vettel im Titelrennen wieder näher an Lewis Hamilton heranbringen. Schließlich ist der Ferrari wegen seines Radstandes und seiner Agilität auf kurvigen Strecken wie Singapur besser als der lange Mercedes. Aus sportlicher Sicht wird Singapur ein Kracher, schön anzuschauen ist das Spektakel unter Flutlicht auch.

Aber für die meisten Besucher ist es vor allem ein Business Event, bei dem sie eingeladen sind und untereinander Geschäfte machen oder einfach nur ein schönes Wochenende erleben sollen. „B2B-Marketing“, nennt sich das. Dafür eignet sich das exotische Singapur von allen Grands Prix mit am besten.

Doch ein wahrer Publikumsmagnet für neue Rennfans ist er deswegen noch lange nicht.

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